Im kleinen Dörflein Walterswil SO kommen seit 1991 jedes Jahr am 5. Dezember Alt und Jung zusammen. Der Samichlaus lässt sich in der festlich geschmückten Kirche blicken, bevor er am nächsten Tag die Familien in ihren warmen Stuben besucht. Für die Kinder ist das traditionelle «Chlausaussenden» ein vorweihnachtliches Highlight.
Von Tamara Vonäsch und Jael Lorenzana
Zehn Minuten vor Beginn der Feier sind die unbequemen Kirchenbänke schon gut besetzt. Kinder mit ihren Eltern und Grosseltern warten gebannt auf das Eintreffen des Samichlauses. Das flackernde Licht der zahlreichen Kerzen verleiht dem Raum eine weihnachtliche Ausstrahlung. Erstaunlicherweise herrscht in der Kirche eine wohlige Wärme. Die verblassten Kirchenmalereien rücken durch die grosse Krippe in den Hintergrund. Auf moosigem Untergrund stehen die handgefertigten Stoffpuppen mit ihren Tieren. Vorne rechts bereiten sich die Jugendlichen auf ihren musikalischen Auftritt vor.
Nach einer kurzen Ansprache hört man ein Klingeln von Glocken aus der Ferne. Je näher das Läuten kommt, umso unruhiger wird das junge Publikum. Die kleinsten stehen auf die Bänke, um den Einzug nicht zu verpassen. «Mami, chont jetzt de Samichlaus?», flüstert ein Mädchen aus einer Reihe weiter vorne.
Angeführt von 12 Schmutzlis tritt der grosse Samichlaus mit schweren Schritten in die Kirche ein. Auf seinen grauen Locken trägt er eine Mitra. Um die Schultern, im selben Rot, einen langen Mantel. Mit seiner tiefen, lauten Stimme begrüsst er die Anwesenden. Die dunkel gekleideten Schmutzlis verteilen sich im Kirchensaal und mischen sich unter die Besucher. Zu ihrer Begrüssung spielt die kleine Band ein Lied.
Die musikalische Unterstreichung durch ein Klavier, ein Cello, ein Kornett und Gesang bringt Leben in die Kirche. Dazwischen schallt immer wieder das Gequengel einiger Kinder durch den Saal. Nach einem fröhlichen Weihnachtslied bittet der Samichlaus alle Kinder zu sich nach vorne auf die ausgebreitete, dunkelrote Decke vor seinem Stuhl. Viele unsicher wirkende Kinder werden nach vorne begleitet. Damit die Kinder verstehen, warum der Samichlaus sie besuchen kommt, erzählt er ihnen mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, eine herzerwärmende Geschichte. Alle hören gebannt zu und schauen ihn mit ihren grossen, glänzenden Augen an.
Er schliesst seine Geschichte ab und meint, dass er und die Schmutzlis sich sehr über ein kleines Verslein freuen würden. Einige mutige Kinder trauen sich, dem Samichlaus ihr Sprüchlein vorzutragen. Ein etwa 6 Jahre alter Junge spricht mit entschlossener Stimme ins Mikrofon: «Samichlaus, du liebe Ma, gäll i mues ke Ruete ha, gib sie lieber mim Papi, de esch de grösser Lappi!» Im Publikum ertönt heiteres Gelächter der Erwachsenen. Nach einem Samichlauslied zur Melodie des bekannten Country Roads von John Denver, werden dem Samichlaus seine typischen Gegenstände übergeben. Er erhält eine selbst gebundene Haselnussrute, ein dickes, schweres Buch, einen langen, goldigen Bischofsstab und eine helle Laterne, die ihm den Weg leuchten soll. So ist er bereit für die zahlreichen Hausbesuche am 6. Dezember.
Nach der Zeremonie verteilen die Schmutzlis vor der Kirche heissen Apfelpunsch und frisch gebackene Gritibänzli. Es herrscht eine familiäre Stimmung. Viele diskutieren rege über die vergangenen Jahre. Eine ältere Dame meint: «Die letzten zwei Jahre mussten wir leider wegen Corona auf den Samichlaus verzichten. Deshalb freut es mich um so mehr, dass das Aussenden dieses Jahr wieder statt findet.» Das Chlausaussenden in Walterswil ist für viele also nicht nur eine alte Tradition sondern ein lebendiger Brauch.